
„Du unterrichtest Yoga? Bist du denn auch so beweglich?“
Yoga war für mich erstmal abgehakt. Stattdessen besuchte ich regelmäßig einen festen Pilateskurs und das über viele Jahre. Die Übungsreihen gefielen mir gut, doch hauptsächlich lag es an der angenehmen Art der Kursleiterin, weshalb ich zur treuen Besucherin wurde. Geprägt von ihrem Unterrichtsstil, fließen so manche Elemente heute in meinen eigenen Kursen mit ein.
Dann kam „das Leben“ dazwischen.
Seit meiner Kindheit war für mich nur ein einziges Lebensmodell präsent: Heirat und Familiengründung. Ich hatte sogar das Privileg im Homeoffice zu arbeiten, um Familie und Haushalt scheinbar bestens zu koordinieren. Nach außen wirkte alles perfekt. Und doch begann innerlich etwas zu verkümmern. Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeit verschwamm, ich steuerte geradewegs in eine mentale Überforderung ohne Ausschaltknopf. Jede Veränderung brachte nur kurzzeitig Erleichterung. Ich verstand nicht, warum ich mich so leer fühlte – und schämte mich dafür. Fühlte mich undankbar. Nach und nach zog ich mich zurück, vereinsamte, und schleppte mich durch den Alltag.
Irgendwann kam plötzlich der Impuls:
Ich wollte wieder einen Kurs besuchen. Die Erinnerung an die Pilatesstunden, an das Gefühl, etwas nur für mich zu tun, ließ mich nicht los. Ich wollte raus – raus aus dem Alltag.
Zufällig stieß ich auf meiner Suche auf ein Yogastudio in Neumarkt. Eine Anfängerreihe sollte zeitnah starten und gemeinsam mit einer Freundin buchte ich den Kurs. Ich erinnere mich noch genau an dieses erste Mal. Es fühlte sich wie Ankommen an. Zum ersten Mal seit Jahren konnte ich mein Gedankenkarussell wieder anhalten. Nach der Stunde fühlte ich mich, als hätte ich einen ganzen Tag Urlaub gemacht.
Ein Jahr später fasste ich den Entschluss: Ich wollte tiefer eintauchen – und begann die Yogalehrerausbildung in genau diesem Studio. Damals noch mit einer leisen Hoffnung im Herzen: Vielleicht würde ich irgendwann selbst einmal vor einer Klasse stehen.
Bei dieser Frage muss ich automatisch an Akrobat/innen oder Eiskunstläufer/innen denken – Menschen, die unglaubliche Kunststücke vollbringen und ihren Körper auf beeindruckende Weise beherrschen. Dabei muss ich schmunzeln, denn diese Vorstellung ist so weit von dem entfernt, was Yoga für mich bedeutet, wie nur irgend möglich.
Gleichzeitig macht mich diese Frage auch ein wenig nachdenklich. Ist das wirklich das Bild, das wir von Yoga haben? Dass man besonders beweglich oder gelenkig sein muss, um mitmachen zu können? Vielleicht erklärt das auch die zweite Aussage, die ich oft höre:
„Yoga? Das ist nichts für mich.“
An dieser Stelle möchte ich gerne eine Gegenfrage stellen:
Welche Erfahrung hast du bisher mit Yoga gemacht? Und warum denkst du, dass es nichts für dich ist?
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Yogastunde. Ich war Anfang zwanzig und bin eher zufällig hineingeraten – ohne eine klare Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Ich dachte damals, Yoga sei einfach eine sanftere Variante von Pilates. Vielleicht hatte ich sogar zu viel erwartet, denn ich ging ziemlich enttäuscht wieder nach Hause.
Die Yogalehrerin gab ein ordentliches Tempo vor, und von den Asanas (den Übungshaltungen im Yoga) hatte ich zuvor noch nie gehört. Im herabschauenden Hund wurde ich zurechtgerückt und -geschoben, und als schließlich die Endentspannung – Savasana – kam, war ich völlig überfordert.
Plötzlich war es still im Raum, und wir sollten einfach nur daliegen - die Ruhe genießen – keine Chance.
Yoga war mein persönlicher Wendepunkt.
Es hat mich auf eine Reise zu mir selbst geschickt – mit vielen lichtvollen, aber auch herausfordernden Momenten.
Heute weiß ich, dass gerade Savasana ein wesentlicher, ja vielleicht der wichtigste Teil einer Yogastunde ist. Denn während wir in einer kraftvollen, dynamischen Übungsreihe unseren Körper fordern und stärken, holen wir gleichzeitig unseren Geist ins Hier und Jetzt. Wir bereiten damit den Boden, um in der Endentspannung wirklich loslassen und nachspüren zu können. Es geht darum, die Stille einzuladen – sich dem Moment hinzugeben, ohne auf äußere Reize, Gedanken oder Empfindungen wertend zu reagieren.
Es darf einfach sein.
Ich darf einfach sein.
Yoga ist für mich Verbindung – mit mir selbst, meinem Körper, meinem Geist, meiner Seele.
Mit Himmel und Erde. Mit allem, was dazwischen liegt.
Es ist weit mehr als körperliche Bewegung oder Gesundheitsvorsorge.
Es ist eine Lebensphilosophie. Eine innere Haltung.
Natürlich gehören die Übungen auf der Matte zum Yoga dazu. Sie stärken unseren Körper, halten uns beweglich, fördern unser Selbstwertgefühl und zeigen uns unsere (körperlichen) Grenzen. Allein das kann – bei regelmäßiger Praxis – schon sehr viel bewirken.
Doch wenn wir zusätzlich Achtsamkeit kultivieren, Sanftheit zulassen und die Fähigkeit entwickeln, loszulassen, dann passiert etwas ganz Besonderes:
Dann entsteht der feine Unterschied, der Yoga ausmacht.
Es wird mehr als ein Workout.
Es wird eine Praxis der Selbstliebe.
